18.10.2006

Ein halber Sack Kartoffeln


Wintereinbruch - Hauseinweihungsparty - SDC stellt sich vor

Der Winter ist nun definitiv angebrochen: eisiger Wind bläst mir jeweils am Morgen auf dem Weg ins Büro ins Gesicht, die Pfützen sind zu Eisflächen erstarrt und der Atem ist in Form von Dunst sichtbar. Ich gehe trotzdem immer noch zu Fuss, warm eingepackt, was sich dann im Büro jeweils als etwas mühsam herausstellt, weil es jämmerlich überheizt ist. Wir öffnen dann halt jeweils einfach das Fenster, bis es uns wieder zu kalt wird. Ja, mit Wärme- und Energiesparen haben es die Mongolen nicht so am Hut. Also richtig Winter ist es natürlich noch immer nicht, aber für Schweizerverhältnisse schon recht kalt für diese Jahreszeit.

Schneesturm in UB: zum Glück konnte ich das Foto aus dem Bürofenster schiessen.Junger Mönch und „normaler“ Jugendlicher auf dem Schulweg. Es geht wohl nicht in dieselbe Schule.Schnee auf den Dächern der Monastery gleich neben meinem Wohnquartier.


Am Freitag und Samstag organisierte das Aussenministerium eine Art Ausstellung aller Botschaften und Entwicklungsorganisationen auf dem Sukhbaatar Platz. Das SDC war natürlich auch anwesend. Rebekka, Stefan und ich hatten die Aufgabe, als schweizerische lebende Ausstellungsobjekte allfällige Fragen über die Schweiz zu beantworten. Nur kamen während den ganzen zwei Tage keine Fragen über die Schweiz, was ja eigentlich auch verwunderte, wenn man bedenkt, dass die wenigsten Mongolen Englisch können und sowieso mehr mit dem Sammeln der vielen Prospekte beschäftigt waren. Ob sie die Prospekte zu Hause lesen werden oder eher zum Anfeuern benutzen, bleibt ihr Geheimnis.
Das SDC war so weit wir das beurteilen konnten (die Plakate in den Zelten waren natürlich nur auf Mongolisch) die einzige Organisation, die ihre Entwicklungsprojekte ausstellte. Einige Beispiele was man in den anderen Zelten und Gers besichtigen konnte: Türkei: Kebab (immerhin war es dort dank dem Ofen herrlich warm); Polen: Bilder zum Verkaufen; Vietnam: Schmuck, wahrscheinlich in Vietnam hergestellt; Deutschland: Infos zu Schengen Visa (es hatte eine riesige Schlange vor diesem Zelt) etc.
Wir hatten das Vergnügen an der Eröffnungsfeier teilzunehmen. So sassen wir kurz vor elf in der Oper und lauschten den Tönen eines Orchesters. Danach gab es die offizielle Eröffnungsrede (natürlich auf Mongolisch, ausser der Rede des UNDP Vertreters). Dann waren Gesangseinlagen angesagt, so dass wir in den Genuss mongolischen Gesangs kamen. Bis auf eine Sängerin wurden alle vom Orchester begleitet, was sich dann angesichts der Technik auch als besser geeignet herausstellte. Denn kaum ertönten die ersten Takte aus den Boxen, begann die CD zu springen und setzte zu allem Übel dann auch noch ganz aus. Während das Orchester versuchte in das Lied einzusteigen, begann dann das Mikrofon zu scherbeln. Das Orchester rettet dann den ganzen Song. Bemerkenswert war jedoch, dass sich die Sängerin überhaupt nicht aus dem Takt bringen liess. Es war also ganz amüsant.

Die Schweizer Ger: viele Mongolen dachten, es würden hier Medikamente verteiltMilitärparade.Musikalische Einlage mit traditionellen mongolischen Instrumenten (u.a. Pferdekopf-geige)


Am Freitagabend wurde ich an eine House Warming Party einer SDC Angestellten eingeladen. Der ganze SDC Staff fuhr zusammen in einem Toyotabus gequetscht durch das allabendliche Hupkonzert und das Verkehrschaos in den Weste von Ulaanbaatar. In der Wohnung fanden wir einen reichlich gedeckten Tisch mit verschiedenen Salaten (Teigwarensalat, Eiersalat, Katoffelsalat). Es gab Sutezä und Arz (das ist ein Getränk aus etwas vergorenem Joghurt, welches heiss serviert wird. Bähh..., aber man kann sich daran gewöhnen). Ich ass sehr viel Salat und wunderte mich, weshalb die anderen nur ganz wenig zugriffen. Für Mongolen eher ungewöhnlich. Dann stellte sich heraus, dass das nur die Vorspeise war. Es gab für jeden noch einen Pouletschenkel, dazu Kartoffelstock, Reis und Karottensalat. Aber im Überessen bin ich in der Zwischenzeit schon fast Weltmeister. Nach dem Essen und dem Herumreichen der Familienfotos, stellte sich die Frage, wer zuerst singen soll. Ich konnte mich nach den ersten mongolischen Liedern natürlich nicht mehr drücken und stimmte dann „Dr Eskimo“ an. Zum Glück bekam ich von Markus Dubach (Honorarkonsul und SDC Chef in der Mongolei) tatkräftige Unterstützung.

Eines meiner Kartoffelgerichte (ganz schweizerisch). Im Moment bekomme ich immer noch frischen grünen Salat.Auf dieser Kochstelle würden alle Gerichte für die Hauseinweihungsparty gekocht.Gruppenbild an der Hauseinweihungsparty: bis auf den Mann vorne rechts und die „europäische“ Frau (Ehefrau von Markus) alles SDC Mitarbeiter.


Ach ja, was es auch noch zu erwähne gibt, ist dass ich mich im Moment fast nur noch von Kartoffeln ernähre, wenn ich zu Hause esse. Das SDC unterstütz ein Projekt im Westen der Mongolei, wo Kartoffeln angebaut werden und als Dankeschön bekam jeder Mitarbeiter einen Sack Kartoffeln, die Praktikanten zum Glück nur einen halben, denn es handelt sich um einen dieser grossen Jutensäcke. Also viel zu viel für eine Person. Falls mir jemand noch Ideen geben kann, was man mit Kartoffeln ausser Gschwelti, Rösti, Kartoffelsuppe, Gratin (dafür habe ich noch immer keine Form gefunden) und Kartoffelstock noch alles machen kann, bin ich sehr froh. Der Sack scheint unerschöpflich zu sein.

10.10.2006

Przewalski Pferde


Zwei Przewalski Pferde im Hustai National Park.
Kino auf Russisch - Fondue - Letzte warme Tage - Schnee - Hustai National Park

Der mongolische Praktikant aus dem SDC lud uns letzte Woche ins Kino ein. Wir hatten uns schon einige Male erkundigt, in was für einer Sprache die Filme gezeigt werden und erhielten immer die gleiche Antwort: Englisch mit mongolischem Untertitel. Also machten wir uns keine Sorgen. Doch als der Film dann loslegte, war das bestimmt nicht Englisch und nur die Untertitel stimmten mit der uns gegebenen Antworten überein. So schauten wir „The Pirates of the Caribbean II“ halt auf Russisch. Der Praktikant hatte dann die Aufgabe uns ab und zu etwas zu übersetzen. Beim letzten Besuch auf dem Schwarzmarkt habe ich mir dann die englische Version des Films für MNT 2000.

Nach dem Meli die Mongolei verlassen hatte, wird nun auch das Schweizer Grüppchen mit dem ich hier die meiste Zeit verbracht hatte, langsam aber sicher kleiner. Zuerst galt es von Sara Abschied zu nehmen, was wir letzten Freitag mit einem Fondue-Abend feierten (nochmals herzlichen Dank von allen an Meli, die uns das Fondue aus der Schweiz mitgebracht hatte). Ab morgen Mittwoch wird das Schweizer Grüppchen auf vier geschrumpft sein; interessanterweise mit drei Rothaarigen.

Am letzten Freitag war Zeitumstellung, so dass es zwar am Morgen, wenn ich mich auf den Weg ins Büro mache, wieder hell ist, dafür wird es am Abend kurz nach dem Verlassen des SDCs bald schon dunkel. Das Wetter spielte bis am Freitag wunderbar mit: am Morgen war es kühl, aber die Mittagssonne ermöglichte es immer noch in einem Pullover sich auf den Weg zum Mittagessen zu machen. Als ich jedoch diesen Freitag am Morgen aus dem Fenster schaute, fragte ich mich, was das weisse Pulver auf den Autos soll. Es hatte über die Nacht geschneit und ich muss nun im Faserpelz und mit dem Windstoper unterwegs sein. Auch eine Kappe werde ich mir wohl bald noch zulegen müssen.

Aus dem Büro gibt es nicht viel Neues. Ich habe mit meinem Bericht über das Bewässerungssystem begonnen und bald festgestellt, dass ich noch viele offene Fragen hatte. Als mich dann am Donnerstag erstaunlicherweise Turkhuu anrief und mir mitteilte, dass es mit dem Bagger und dem Laster doch noch geklappt habe, schickte ich ihm eine lange Mail mit Fragen. Mal schauen, ob ich einige gute Antworte bekomme, bis jetzt habe ich auf jeden Fall noch nichts gehört.


Mongolische Kinder: zwei in Schuluniform.Auf einem Spaziergang den Hügeln der Gersiedlung in UB.Alte Frau mit traditionellem mongolischem Kleid (Del) und nicht so traditionellem Hut.


Das letzte Wochenende hatte ich dann die Möglichkeit in den Hustai National Park (HNP) und zu den Przewalski Pferden (für alle die das Wort nicht aussprechen können, auf mongolisch: Thaki) zu fahren. Stefans Mutter hatte die Chance gepackt und besuchte ihn, wodurch Rebekka, Stefan und ich zu einer gratis Fahrt in den HNP kamen.
Die Landschaft hat sich in der Zwischenzeit stark verändert: das einst mal grüne Gras ist nun schon gelb-braun und auf den Bergspitzen sieht man immer wieder Schnee. Auf dem Weg zum National Park kamen wir an Sanddünen vorbei auf denen ebenfalls Schnee lag. War irgendwie schon etwas fehl am Platz war...
Laut dem Guesthouse, über welches das Auto und der Fahrer gemietet wurde, sollten wir bei einer Familie übernachten, die für uns dann kochen sollte. Was dann aber leider doch nicht der Fall war und wir aufgrund der Sprachbarierre auch nicht klären konnten, so dass wir im Restaurant des teueren touristischen Ger-Camps essen mussten. Aber vorher wollten wir natürlich noch in den HNP. Zuerst stand ein Besuch im Parkmuseum an, in dem wir erfuhren, dass die Pferde in der Mongolei ausgestorben waren, in europäischen Zoos jedoch überleben konnten und von dort nun in mehreren Wiederansiedlungsprojekten in die Mongolei zurückkehren sollen. Im HNP leben zu Zeit ca. 180 Thakis. Und übrigens haben diese Pferde 66 Chromosomen und nicht wie die normalen 64. Ob sie sich nun mit normalen Pferden fortpflanzen können oder nicht, konnte uns die Museumsführerin leider nicht auf Englisch erklären.
Nach einer ca. zwanzigminütigen Fahrt entdeckte der Fahrer eine Stute und einen Hengst. Wir packten unsere Fotoausrüstungen und pirschten uns an. Den Pferden schien das relativ egal zu sein, bis auf eine Distanz von fünfzig Meter. Dann zeigten sie uns den Hintern und liefen einige Schritte davon, um den Abstand wieder herzustellen. Der Fahrer hatte nun sein Ziel erreicht, die Touris konnten ihre Fotos schiessen und zurück ging‘s.


Auf dem Weg in den Hustai National Park: vor einigen Wochen war das Gras noch viel grünerSanddüne mit Schnee.Abendstimmung in der Gersiedlung, in der wir übernachteten.


Am nächsten Morgen war es in der Ger sehr kalt und obwohl draussen die Sonne schien, machten wir uns dick eingepackt auf den Weg. Hinter uns fuhr ein zweites Auto mit einem Deutschen, den wir am Vorabend kennen gelernt hatten. Nach ca. zehn Minuten sahen wir schon die erste Herde. Also wieder los mit der Kamera. Der Deutsche versuchte die Herde von der Seite her zu umgehen. Ich hielt mehr oder weniger direkt darauf zu. Die Pferde liessen uns wieder nicht näher als fünfzig Meter herankommen. Doch plötzlich machten sie kehrt und galoppierten an uns vorbei zurück. Ich konnte mein Glück nicht fassen: ein Foto mit galoppierenden Przewalski Pferden. Doch als ich abdrücken wollte, sah ich den Deutschen im Sucher und zwei Sekunden später nur noch die Hinterteile der Pferde. Pech gehabt!
Die Fahrt ging dann weiter Richtung Süden. Immer wieder sahen wir Gruppen von Takhis (auch das Paar vom Vortag stand noch am selben Ort). Wir fuhren zu einer Stelle, wo vor Urzeiten irgendwelche Mongolen Steine in einer langen Reihe in die Erde gerammt hatten. Daneben gab es ein Steingrab und ein in Stein gemeisselten Löwen. Wir fragten, uns woher die Mongolen im sechsten Jahrhundert nach Christus wohl wussten, wie ein Löwe aussieht. Erkennen, was der Stein wirklich darstellt soll, konnte man auch nicht, so dass wir uns auf einen Übersetzungsfehler einigten.
Auf der Rückfahrt durften/mussten wir dann noch eine Stunde umherwandern, da wir sonst zu früh (im Guesthouse hiess es, wir werden so zwischen vier und fünf zurück sein) wieder in UB gewesen wären.
Wieder auf der Teerstrasse wollten wir dann doch mal noch was essen und entschlossen uns bei einem Motel zu halten. Als der Fahrer uns aber mitteilte, dass wir mind. eine halbe Stunde warten müssten, ging es gleich weiter.


Steinfiguren im National Park.Warm eingepackt: die Sonne wärmt nur noch bedingt.Schädel eines Przewalski Pferds?


So viel aus der Mongolei. Geniesst für mich etwas das anscheinend warme Wetter in der Schweiz.
Beiertää (tschüss) euer Raphi