Während meine letzten Kartoffeln im Wasser weichgekocht werden, finde ich endlich wieder mal Zeit mich meinem Blog zu widmen. Aber ich muss schon sagen, viel Spannendes ist hier wirklich nicht passiert; es ist nun halt definitiv mehr Alltag als immer etwas Spezielles.
Im Büro quäle ich mich im Moment mit der mongolischen Datenerhebung und Statistiken ab. Mit Zahlen habe es die Mongolen einfach nicht so. In einer Statistik taucht die gleiche Fläche um einen Faktor zehn verschieden auf. Nur auf die Übersetzung ist das sicher nicht zurückzuführen. Und so weiter und so fort, aber damit will ich euch nun definitiv nicht langweilen, denn zum Glück kam am letzten Montag Turkhuu (das ist der Typ von JCS, der das Bewässerungsprojekt durchführt) und brachte Antworten auf meine Fragen. Er teilte mir ebenfalls mit, dass er am Donnerstag wieder nach Mazar bag fahren würde und ich mitkommen könne. Es hiess warme Sachen einpacken (auf dem Land ist es immer noch etwas kälter als in der Stadt) und Büro ade.
Mit dem Jeep ging es wieder in rasanter Fahrt in den Westen. Wie schnell wir unterwegs waren, kann ich nicht sagen, denn das Tachometer war kaputt. Aber wir sind ja in der Mongolei. Da es nun schon um sechs Uhr dunkel wird, verfuhren wir uns dann prompt, sobald wir die Teerstrasse nach Arwajcheer verlassen hatten. Dank eines Hirten auf einem Töff, fanden wir Mazar bag dann doch noch. Dieses Mal wohnten wir beim Bag Governor und dessen Familie persönlich in der Ger. (Zur Erklärung: ein bag ist die kleinste Verwaltungsebene und entspricht in etwa einer Gemeinde.)
Wir bekamen sofort Sutezä (wie immer) und es gab hausgemachten Salat aus Peperoni, Kohl und sonstigem Gemüse, das hier auf dem Feld wächst, daneben mongolische Suppe mit Fleisch und Fett. Neben der Familie mit zwei kleinen Töchtern, wohnten auch noch ein Hydroingenieur und ein Schweisser, die beide an der neuen Schleuse arbeiten, in derselben Ger. Für das Schlafen gehen, hiess dies also Teppiche auf dem Boden ausbreiten. Ich bekam natürlich eines der drei Betten und als ich meinem Schlafsack lag, gab es als Gutnacht-Umtrunk für jeden zwei Gläschen Vodka, wieder in der schon mal beschriebenen Zeremonie.
 |  |  |
| Morgenstimmung in der Wüste. | Die Ger der Familie des Bag Governors. Strom für Licht und Fernseher gibt es von den Solarzellen (Mitte hinter der Ger). | Leider ist die Kälte am Morgen früh schwer auf ein Foto zu bringen. |
Am nächsten Tag war die Besichtigung der neuen Schleuse, ein Besuch beim Sum Governor und das Organisieren eines Lasters für den Transport von Steinen, um den Damm zu verstärken, angesagt. Wir fuhren als wieder mal ins Aimag Zenturm, Arwajcheer. Es wurde herumtelefoniert und als wir gerade mal auf irgendwas warten mussten, schlug Turkhuu vor zum Coiffeur zu gehen. Ich bekam also während der Arbeitszeit für MNT 1000 eine neue Frisur.
Zurück in der Ger waren einige Gärtner anwesend und ich stellte mit Hilfe von Turkhuu meine Fragen (wie erwirtschaften die Gärtner sonst noch Einkommen, wann verkaufen sie ihr Gemüse, wie sieht das Feld nun wirklich aus - ich bekam wieder mal ganz neue Zahlen, etc).
Den zweiten Tag verbrachten wir in Mazar bag. Viel los war nicht. Ich las den ganzen Morgen und wir besichtigten dann mal die Baustelle und standen dort etwas hilfslos herum - als Nicht-Arbeiter will man sich die Hände ja nicht schmutzig machen.
Gegen den späteren Abend half Turkhuu dann beim Kochen, was für einen mongolischen Mann doch schon etwas aussergewöhnliches ist. Es gab Buuz (Fleischtaschen) und als ich interessiert zugeschaut habe, musste ich natürlich daran glauben. Die Frau des Bag Governor zeigte mir wies geht, aber das braucht schon noch etwas Übung.
 |  |  |
| Ein einfacher Dieselgenerator liefert Strom für die Schweissarbeit. | Die neu errichtete Schleuse. | Die Verschalung für das Giessen des Betons wird abgelöst. Das meiste ist Handarbeit. |
An diesem Punkt will ich mal noch etwas zum mongolischen Essen (auf dem Land) erzählen:
An einem Abend gab es eine typische mongolische Suppe: hausgemachte Nudeln (so etwas Flädli-ähnlich), Fleisch mit Fett dran, Kartoffeln und etwas Gemüse (wobei das Gemüse nicht immer darin zu finden ist). Das Fleisch wird als ganzes Stück (zum Beispiel ein Rippenstück oder eine Hüfte) in der Suppe gegart, dann kommen die restlichen Zutaten hinzu und von den Knochen wird etwas Fleisch in die Suppe geschnitten. Hier sei nochmals erwähnt, dass an einem Fleisch Stückchen mind. so viel Fett dran sein muss, damit es als gutes Fleisch gilt. Das restliche Fleisch gibt es einfach so als ganze Stücke auf einem Teller. Mit einem scharfen Messer oder direkt mit den Zähnen werden dann die Knochen blitzblank geputzt inklusive Sehnen. So das war das Abendessen.
Beim Morgenessen gibt es einfach die Resten, d.h. man nimmt sich einen Knochen mit Fleisch dran, schneidet das Fleisch ab und wirft es zum Wärmen in den heissen Tee. Die Suppe wird einfach nochmals aufgeheizt. Das nenn ich noch ein nahrhaftes Frühstück.
Was ich hier noch an führen muss. Ich habe mich in der Zwischenzeit ganz gut an das Fleisch und das Fett gewöhnt. Aber man muss auch sagen, dass das Fett irgendwie nie zäh ist, sondern es vergeht meistens auf der Zunge (ich hoffe, euch nicht das nächste Stück Fleisch verdorben zu haben).
 |  |  |
| Die ganze „Familie“ beim Essen: v.l.n.r.: Turkhuu, jüngste Tochter, Bag Governor, ältere Tochter, Fahrer, Hydroingenieur, Schweisser, Frau des Governors (mit dem Merken mongolischer Namen habe ich immer noch Mühe). | Die Buuz werden gedämpft. Jegliche Gerichte sowie auch der Tee wird in diesem „Vok“ gekocht. | Mein erster Versuch eines Buuz‘s. Die Mädchen konnten sich vor Lachen kaum erholen. |
Am Sonntag hiess es für mich dann zurück nach UB zu fahren. Ich hoffte natürlich auf einen Microbus, um diese Erlebnis auch mal zu haben und so sah dann meine Rückreise aus:
10.00 Uhr: Wir kommen mit dem Jeep in Arwajcheer an. Turkhuu findet kein Privatauto, das nach UB fährt, aber einen Microbus. Um 15.00 oder 16.00 sollte es los gehen. Turkhuu schlägt ein Hotelzimmer zum Warten vor. Ich lehne ab und setzte mich in die Lobby eines Hotels und lese. Ich soll kurz vor der Abfahrt hier abgeholt werden.
11.30 Uhr: Thurkuu taucht wieder auf. Er ist sich nicht so sicher, ob sie mich wirklich abholen werden und schlägt vor, dass ich im Minibus warte. Ich sitze also im Minibus, der dank der Sonne etwas wärmer als die Hotellobby war und beende mein Buch.
13.00 Uhr: Ein Typ steigt auf der Fahrerseite ein und bedeute mir auszusteigen, er wolle etwas essen gehen und ich könne in einem anderen Auto warten. Ich will meinen Rucksack mitnehmen, aber er winkt ab. Kaum ist er weg, wird mir dann schon etwas flau, da meine ganze Kameraausrüstung im Rucksack ist.
14.30 Uhr: Der Minibus ist wieder zurück, mein Rucksack noch drin, mein Buch zu Ende. Aber es soll ja bald los gehen.
15.00 Uhr: Ein anderer Fahrer steigt ein. Wir fahren zu einer Tankstelle etwas ausserhalb der Stadt. Es geht also bald los. Danach fahren wir in die östliche Gersiedlung. Vor einem Tor hupt der Fahrer, drei junge Mongolinnen mit einem kleinen Kind steigen zu. Zwei der Frauen steigen dann aber bald darauf wieder aus. Es geht in den Westen. Der Fahrer sucht irgendwas wahrscheinlich eine Adresse. Er hupt vor einem Bretterzaun. Eine Frau kommt raus, sie will nicht nach UB. Also weiter. Wieder hupen, nach einigen Minuten kommen drei Menschen mit einer grossen Tasche. Eine Frau steigt zu. Als wir abfahren wirft der Mann eine Flüssigkeit aus einer Kelle hinter uns her. Gute Reise. Es geht wider zurück an den Sammelplatz. Wir warten.
17.30 Uhr: Ein dritter Fahrer steigt zu. Es geht wieder in die Gersiedlungen hinaus. Wir hupen vor verschiedenen Toren, aber niemand kommt. Also wieder zurück und wieder warten.
19.00 Uhr: Der erste Fahrer versucht sein Glück. Wir klappern jene Orte ab, wo niemand da war. Manchmal steigt jmd. zu. Das Gepäck wird einfach mal auf die Sitze gelegt. Im Moment hat es noch genug Platz. Langsam begreife ich das Vorgehen. Man meldet sich am Sammelplatz, sagt wo man ungefähr wohnt, geht dann heim oder eben nicht (was dann das wiederholte anfahren jener Orte zur Ursache hat) und wartet bis man abgeholt wird.
20.30 Uhr: Wir kommen wieder mal zum Sammelplatz. Die Fahrer laden das Gepäck aus. Bauen die vordere Sitzreihe um, so dass sie nun auch in Fahrtrichtung schaut. Ich steige aus, will bei meinem Gepäck bleiben. Der eine Fahrer will, dass ich einsteige, ein anderer meint ich könne auch hier warten. Ich warte also und der dritte Fahrer bringt uns ein Dose Bier.
21:30 Uhr: Sie waren wieder mal erfolgreich; es sitzen zwei weitere Personen im Bus. Ich muss wieder einsteigen, das Gepäck bleibt zurück (zu meiner Beruhigung nicht nur meines). Wir fahren wieder mal in die Gegend in der wir schon um 15.00 Uhr waren. Es steigt wieder jmd. zu. Dann geht es wieder zu jener Tankstelle. Dort steht ein anderer Microbus. Es wird voll getankt und als wir los fahren geht es wieder in die Stadt (zum Gepäck?). Nein, nur bis zu einer Bank, wo sich zwei Frauen verabschieden. Dann wieder zurück zur Tankstelle. Ein Typ (er scheint der Organisator zu sein), sammelt das Fahrgeld ein. Bei mir versuchte er wieder mal mich übers Ohr zu hauen. Er zeigt einen 10‘000er Schein und zwei Finger. Ich gebe ihm die MNT 13‘000 und er ist zum Glück zufrieden. Aus dem anderen Bus steigen nun noch andere Fahrgäste, die sich zu uns drängen. Wir sitzen nun zu viert in einer Reihe. Ich habe einen Fensterplatz und neben mir sitzt ein gut gebauter Mongole. Ja, es ist eng. Endlich geht es los, die zwei Microbusse fahren dicht hintereinander her. Wo ist wohl mein Gepäck, aber die anderen machen sich keine Sorgen, also wieso sich Gedanken machen.
22.30 Uhr: Wir erreichen die Polizeistelle ausserhalb von Arwajcheer. Alle Fahrer diskutieren mit den Polizisten. Plötzlich steigt bei unserem Büschen ein Fahrer ein, es geht nochmals zurück in die Stadt. Nochmals wer der mit will. Jetzt sind wir aber wirklich voll. Und tatsächlich es geht endlich los. Doch schon nach ca. 5km halten wir schon wieder. Unsere Bus fährt hinter den anderen, die Hecktüre des vorderen Busses wird geöffnet, das darin verstaute Gepäck (inklusive meinen Rucksack) auf den Dachträger gepackt (das hätten wohl die Polizisten nicht erlaubt), eine Bank zusätzlich wird frei, aber das ändert in meinen Bus nichts an dem Platzverhältnis.
bis 01:30 Uhr: Die Busse rasen hintereinander durch die Nacht. Ich versuche irgendwie zu schlafen. Da man so eng sitzt, wird man nicht so stark herumgeschleudert. Der Fahrer hat wieder mal nur eine Kassette und es wieder holen sich die drei immer gleichen Lieder. Der Bus ist viel zu stark geheizt, aber der Wasserdampf, der die Scheiben beschlägt, gefriert schon zu Eis. Meine NorthFace Jacke klebt am Fenster. Ich erwache wieder einmal als wir an der gleichen Raststätte wie beim letzten Mal halten. Einer der Fahrer deutet mir an ich solle reinkommen. Ich bekomme Sutezä, die Mongolen essen ihre berühmte Fleisch-Fett-Suppe. Ich habe wirklich keine Lust auf Essen um diese Zeit, obwohl ich seit dem Morgenessen nur einen Sack Chips und Schokolade gegessen habe. Dann geht es zum Glück weiter.
bis 7.30 Uhr: Ich erwache ab und zu. Manchmal fährt der Bus, manchmal steht er. Keine Ahnung, ob der Fahrer sich ein Nickerchen gönnt oder ob die anderen einen Platten haben. Langsam wird es draussen wieder hell. UB ist immer noch nicht in Sicht, also weiterschlafen. Mein Hinter schmerzt in der Zwischenzeit, denn eine richtige Stellungsänderung ist nicht wirklich möglich. Dann endlich, den Strassenposten von UB. Bei der nächsten Tankstelle wird getankt, die Passagiere auf die zwei Busse umgeteilt, das Gepäck den richtigen Passagieren zu geteilt und los geht es, jeden Passagier nach Hause zu fahren. Ich habe das Pech am anderen Ende der Stadt zu wohnen.
9:00 Uhr: Ich sitze mit der letzten Passagierin alleine im Bus. Die drei Fahrer sind mit ein paar Paketen in einem Hauseingang verschwunden. Das kann ja dauern. Die Mongolin quatscht mich auf Mongolisch an und bietet mir von ihren Gebäcken an. Wir wechseln dann ein paar Worte auf Englisch, bis die Fahrer sich endlich wieder zu uns bemühen.
9:45 Uhr: Endlich öffne ich meine Haustüre. Nach einer langen, warmen Dusche mache ich mich dann auf ins Büro, um weiter an meinem Bericht zu schreiben.